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Daniel Mróz

Kosmos Lem Tagung

Zivilisationspoetik, Wissenschaftsanalytik und Kulturphilosophie. Internationale und interdisziplinäre fachwissenschaftliche Konferenz

Darmstadt 2.-5. März 2017
TU Darmstadt, Gebäude S1|03 (Hochschulstraße 1), Raum 113

Tagungsbericht

Anfang März bildete die internationale, interdisziplinäre Fachtagung Kosmos Lem. Zivilisationspoetik, Wissenschaftsanalytik und Kulturphilosophie den abschließenden Höhepunkt des Wissenschafts- und Kulturfestivals „Planet Lem“ – veranstaltet vom Deutschen Polen Institut und dem Institut für Philosophie der TU.

Aus Polen, Russland, der Ukraine, Weißrussland und der Schweiz waren zahlreiche Lem-Experten und Expertinnen angereist, um sich über vier Tage hinweg mit ihren deutschen Kollegen und Kolleginnen über Themen aus dem philosophisch-ästhetischen „Kosmos“ des ideen- und sprachschöpferisch geradezu überquellenden, aber auch labyrinthischen Lem’schen Oeuvres zu verständigen.

Wie sich auf der Tagung zeigte, arbeitet eine Lem-Community in Polen bereits in der dritten Generation an Detailfragen des Werks wie auch zu Lems intellektueller Biographie und zur Lem-Rezeption. Neben den Zeitgenossen, Wegbegleitern und Herausgebern Lems, Prof. Stanisław Bereś (Breslau) und Prof. Jerzy Jarzębski (Krakau), war die Folgegeneration auf der Tagung insbesondere durch Prof. Agnieszka Gajewska (Posen) und Przemysław Czapliński (Posen) vertreten. Deren neue, kontrovers diskutierte Interpretationsansätzen und Lesarten von Lem werden inzwischen von einer aufstrebenden Generation von Doktoranden und Doktorandinnen kritisch diskutiert. Die Beiträge der östlichen Nachbarn, etwa von Victor Yaznevich (Minsk) zeigten wiederum, dass die Rezeption Lems im russischsprachigen Raum ganz eigene Wege ging. Thesen aus dem deutschsprachigen Raum zu Lems Werk und Wirken entstammten insbesondere auch anderen Fächern als den in Polen und Russland dominierenden Domänen der Literaturwissenschaft und Philosophie. Sie erbrachten selbst für die bestinformierten Lem-Experten neue Erkenntnisse, etwa über einen Workshop mit Stanisław Lem zu Informations- und Kommunikationsstrukturen der Zukunft, der 1981 an der FU Berlin veranstaltet wurde und über den Gabriele Gramelsberger (Witten/Herdecke) informierte. Viel beachtet wurden auch die methodisch durchdachten Ansätze von Henrike Schmidt (Berlin), Philipp Tvridinić (München) und der medienwissenschaftliche Beitrag von Vladimir Velminski (Berlin).

Es war die erste internationale Tagung dieser Art, wie die vor Ort versammelten Koryphäen der polnischen und russischen Lemforschung bemerkten, deren Fachkreise sich bislang erst noch wenig überschneiden. Auch die Brücke zu deutschsprachigen Fachwelten wurde in dieser Weise erstmals begangen. Die Debatte verlief intensiv von der ersten bis zur letzten Minute, zur Lebendigkeit des Austauschs trug insbesondere die durchgehende, hervorragende deutsch-polnische Simultanübersetzung durch Piotr Żwak und Aleksandra Grzybkowska und ihrem Technikerteam bei.

So sind die Türen (oder auch: Schleusen zwischen an einander andockenden Raumfahrzeugen?) für den internationalen Austausch nun geöffnet. Die vielfältigen Bezüge und Kontexte eines der faszinierendsten Werke der europäischen Literatur- und Theoriegeschichte können von der Erweiterung des Diskurses nur gewinnen. Denn in der intensiven Diskussion hat sich Lem als keineswegs leicht zu verbuchen oder gar zu erledigen erwiesen. Dass sein Werk bisweilen vielmehr an Rätselhaftigkeit und auch an Zauber gewann, dürfte dem Autor von Solaris sicherlich gefallen haben.

Alexander Friedrich. Petra Gehring

 

 

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Stanisław Lem (1921-2006), polnischer Schriftsteller und Theoretiker, hat sich in seinem literarischen Schreiben und philosophisch-essayistischen Denken wie kaum ein zweiter Autor des 20. Jahrhunderts mit der Bedeutung sowie Zukunft der technisierten Zivilisation und Wissenschaft auseinandergesetzt. Lems überaus vielfältiges, ideen- und sprachschöpferisch geradezu überquellendes Werk formt einen eigenen gedanklichen Kosmos.

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